Auswirkungen auf das eigene soziale Leben

Wenn Kinder ihre pflegebedürftigen Eltern zu sich nehmen, ist dies immer mit besonderen Schwierigkeiten verbunden. Die größte Herausforderung besteht wohl in der Kunst, sich trotz der räumlichen Nähe zueinander abzugrenzen, Kompromisse zu finden zwischen dem Bedürfniss nach eigener Zeit einerseits und den Erfordernissen und Bedürfnissen des alten Menschen andererseits.

mutterMeine Mutter ist inzwischen 93 Jahre alt. Vor ein paar Jahren stürzte sie so schwer, dass sie sich einen Oberschenkelhalsbruch zuzog. Dreimal musste sie operiert werden und hatte am Ende ein komplett neues Hüftgelenk. Vor dem Sturz konnte sie vieles selbst erledigen und lebte noch alleine in der dritten Etage eines Mietblocks, ohne Aufzug. Zwar kam seit einigen Jahren bereits zweimal am Tag ein ambulanter Pflegedienst zu ihr und half beim Baden oder Duschen. Aber alles in allem ging es noch recht gut. Was zu schwer war, erledigte ich. Dann kam der unerwartete Unfall, ein mehr monatiger Krankenhausaufenthalt und eine Reha. Im Frühjahr traf meine Mutter außerdem ein leichter Schlaganfall, dessen Folgen mittlerweile aber nahezu vollständig behoben sind, wenn man von einer motorischen Sprachstörung absieht, die ihr das Reden schwer macht.

Doch das Leben ändert sich. Leider konnte ich meine Mutter nicht zu mir nehmen. Also suchten wir uns eine gemeinsame Wohnung. Im selben Stadtviertel, aber in einen sanierten Altbau mit Aufzug. Ich habe von Anfang an Personen einbezogen, die auch für mich als pflegende Tochter eine Entlastung bringen. Mir war sofort klar, dass Angehörige ihre eigene Zeit brauchen, dem Alltag mal entfliehen zu können. Vor allem, wenn Pflegende und Gepflegte unter einem Dach wohnen. Glücklicherweise wurde ich darin praktisch wie moralisch von Nachbarn und Verwandten sehr unterstützt. Für mich war es keine wirkliche Frage, ob ich meine Mutter zuhause pflege oder nicht. Denn neben der Freude über ihre Genesung will ich auch irgendwo was zurückgeben, was meine Mutter uns in jungen Jahren gegeben hat. Dabei waren mir zwei Dinge von Anbeginn an klar: Zum einen wird diese Aufgabe spürbar Auswirkungen auf das eigene soziale Leben haben, zum anderen ist es unbedingt notwendig, darauf zu achten, dass die Pflege nicht ihr ganzes Leben bestimmt. Nur mit einem gewissen Quantum an frei verfügbarer Zeit sehe ich mich in der Lage, meine Mutter auf Dauer wirklich liebevoll zu pflegen.

Früher hatte ich den Montag, Mittwoch und Freitag. Das waren drei Tage, die habe ich mir komplett selbst eingeteilt. Ich habe zwar bei meiner Mutter angerufen und gefragt, wie es ihr geht. Aber das waren drei Tage, die dann generell für Planungen waren mit Freunden. Ich habe zweimal die Woche Sport gemacht oder Freunde besucht. Und sonnabends bin ich auch weggegangen.

Sport ist heute nicht mehr möglich, da ich aufgrund der Pflegeverpflichtungen derzeit einfach nicht einrichten kann, teilzunehmen. Doch ich bin fest entschlossen, wieder anzufangen, wenn die Zeiten der Pflege etwas besser aufeinander abgestimmt sind. Sonst fehlt mir was. Auch die regelmäßigen Treffen mit meinen Freundinnen wurden seltener. Denn ich kann ja nicht hingehen zu einer Nachbarin und sagen, hier, wissen Sie was, ich will heute Abend weggehen und es kann sein, dass ich um halb eins wiederkomme.

WANN BEGINNT ENDLICH DER FILM?

Es gibt Menschen, die versprechen dir hoch und heilig, dich jung zu machen. Kennen wir alle. Weltraumerprobte Anti-Aging-Hyperkomplex-Cremes, bunte Wunder-Vitaminpillen, Gesichtsfaltenunterspritzung mit deinem eigenen Gesäßfett – was auch immer es da alles geben mag. Das Ergebnis ist freilich meist bescheiden. In letzterem Fall sogar, sprechen wir ganz oben, einfach nur vom Arsch von den selbigen.
Meine Kinder machen mich alt. Medizinische Hilfsmittel brauchen sie als echte Naturtalente nicht – das, was aus ihren Mündern kommt, reicht völlig aus. Nehmen wir nur mal meinen Jüngsten: Vor einigen Jahren schaute ich mit ihm – damals war er gerade eingeschult – den wunderbaren Zeichentrickfilm „In einem Land vor unserer Zeit“ (er Kinderticket, ich Seniorenrabatt – günstiger kommst du definitiv nur noch ins Kino, wenn du dich hinten reinschmuggelst). Wir saßen also gemeinsam im wunderschönen alten Kino in unserer Stadt. Inzwischen wurde es leider verkauft, entkernt und als neue gigantische Buchhandlung ausgebaut. Nichts gegen Bücher, aber ich fand das damals sehr schade. Habe auch dagegen protestiert (erfolglos) und mich später sogar noch viele Wochen lang in die neueröffnete Buchhandlung gestellt und aus Ärger einfach stundenlang gebrüllt: „WANN BEGINNT ENDLICH DER FILM?!“ Ich war echt sauer.

Jedenfalls saßen mein Sohn und ich im Kino, zehnte Reihe Mitte, Popcorn und Nachos auf dem Schoß, die riesigen Cola-Eimer in der Hand. Mein Sohnemann staunte im Sitz neben mir mit weit offenem Mund über das, was auf der Leinwand geschah. Kurz: Es war bis zu diesem Zeitpunkt ein rundum perfekter Vater-und-Sohn-Nachmittag. Während ich mir bereits Gedanken machte, wie man so einen Kinderkiefer medizinisch korrekt wieder einrenkt, beugte sich mein Siebenjähriger plötzlich zu mir rüber und zupfte an meinem Arm. „Dad, Dad, Dad!“ raunte Jeremy mir aufgeregt zu. „Als du jung warst, da gab es noch Dinosaurier, oder?“ Es gibt Momente im Leben, da stirbt man tiefsten Innersten ein klein wenig.

„Als ich jung war“, flüsterte ich ihm ins Ohr, „da hat das Tote Meer noch gelebt!“. Ich schlürfte den letzten Schluck Cola Light durch meinen Strohhalm und sackte in meinem altmodischen Kinositz zusammen. Ich fühlte mich alt. Sehr alt.